Ganztagesschulen in Muri-Gümligen

In der Januar-Sitzung des Grossen Gemeinderats wurde unter anderem das Geschäft der FDP, betreffend „Einführung einer Ganztagesschule“ behandelt.

Die Grünen Muri-Gümligen finden, dass die Gemeinde bereits gut organisierte und engagierte Tagesschulen anbietet. Die Betreuung der Schulkinder ist heute zwischen 6.30h und 18.00h abgedeckt und kann sehr individuell in Anspruch genommen werden.
Was wir aus unserer Sicht im Moment als dringlicher als die Einführung einer Ganztagesschule empfinden, ist die Verbesserung und Zugänglichkeit der Betreuung während der Schulferien. Diese Ferienbetreuung muss in mehreren Hinsichten optimiert werden und ist vor allem auch zu teuer. Die Grünen Muri-Gümligen unterstützen deshalb auch die Motion Racine der SP vom Sommer 2018.

Dass sich die FDP als bürgerliche Partei mit dem Thema Ganztagesschule auseinandersetzt, ist in unseren Augen sehr positiv. So werden wichtige Mehrheitsverhältnisse geschaffen, die unter Umständen nicht zu Stande kommen, wenn ein entsprechender Vorstoss von der linken Ratshälfte eingebracht wird. Das Postulat zeigt, dass auch die FDP die Wichtigkeit von Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, insbesondere für Mütter, erkannt hat und dass diese gesellschaftlich gefördert werden muss. Weiter ist es sehr erfreulich, dass die FDP die Chancengleichheit und die persönliche Entwicklung der Schulkinder fördern möchte – etwas, dass wir in der bürgerlichen Politik leider oft vermissen. Die Ganztagesschule würde wohl die Wechsel zwischen den Tagesschulmodulen und Schule reduzieren und etwas Ruhe in die Strukturen bringen.

Die Grünen Muri-Gümligen sind in Bezug auf dieses Postulat einverstanden mit dem Vorgehen des Gemeinderats, auch wenn wir uns nicht ganz sicher sind, ob es das zielführendste Vorgehen ist. Einerseits ist es wichtig, die Bedürfnisse der Eltern abzuholen und ernst zu nehmen, dies müsste aber im Rahmen einer mehrsprachigen, qualitativ hochwertigen Evaluation geschehen, die professionell ausgewertet wird.

Die Grünen Muri-Gümligen haben sich am 22.1.19 mit dem folgenden Votum, gehalten durch Gino Brenni, im Rat zum Postulat geäussert:


Die Grünen-Fraktion dankt dem Gemeinderat für die Stellungnahme zu diesem Postulat, welches von der Stossrichtung her sicher auch in unserem Sinne ist.

Trotzdem: Wir haben uns gefragt, was für die GRÜNEN eine solche ganzheitliche, in den ordentlichen Schulbetrieb integrierte Ganztagessschule (GTS) bedeuten könnte und wo genau die Vorteile zu den heutigen Tagesschulen in der Gemeinde liegen.
Der Vorstoss bleibt diesbezüglich recht unkonkret.

Eines möchte ich aus der Antwort des Gemeinderats herausstreichen:

“Das Tagesschulangebot der Gemeinde Muri bei Bern ist gut aufgestellt und beliebt.”

Kein Grund zur Sorge, also. Und das ist vollkommen richtig. Wieso?

  • Die jetzige Tagesschule erlaubt eine gesunde und entwicklungsfördernde Durchmischung. Die Kinder lernen den Umgang auch mit jüngeren oder eben älteren Kindern. Ein neues System sollte daran möglichst wenig ändern, bzw. aufzeigen, wo man das noch verbessern kann.
  • Das jetzige Tagesschulsystem erfüllt das im Postulat gesetzte Hauptziel der “Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf” bereits heute vollumfänglich (Mehr dazu gleich). Warum genau die FDP das offenbar anders sieht, bleibt ihr Geheimnis.

Ich hätte eine direkte Frage an die FDP: Woher wissen Sie von “Kindern, die in Privatschulen abwandern” (o-ton Postulat), weil die Gemeinde keine GTS anbietet? Ich stelle andere Vermutungen auf, wieso Kinder in Privatschulen geschickt werden: Eltern (die wenigen, die sich das überhaupt leisten können) erhoffen sich dadurch die bestmögliche Förderung für ihren Nachwuchs, bzw. einen Bildungsvorsprung. Oder weil sie wissen, dass mancherorts Englisch die Unterrichtssprache ist, statt Mundart. Wie gesagt, reine Spekulation.

Als Vater zweier Kinder – eins davon in der Tagesschule Horbern angemeldet – sehe ich die wesentlichen Randzeiten (06:30 – 18:00 inkl. Mittagessen) abgedeckt, sodass ich 100% und meine Frau 40% ganztags arbeiten können. Wir könnten sogar beide 100% arbeiten, wenn wir das wollten, bei voller Gewährleistung der Kinderbetreuung, inkl. Aufgabenhilfe. Und dies eben nicht nur an einem Ort in der Gemeinde, was aus unserer Sicht ein grosser Vorteil ist.

Wenn man also das Bedürfnis nach GTS eruieren will, muss man den Eltern zuerst klar machen können, was die Vorteile wären gegenüber dem jetzigen, gut funktionierenden, bezahlbaren System. Auch dazu bleibt das Postulat leider vage.

Wir fragen uns: Warum wird vom Gemeinderat wieder genau das gleiche Vorgehen gewählt, um einen Bedarf zu eruieren, der bereits vor wenigen Jahren ausgewertet wurde? Hat man sich überlegt, wie gut das heutige System funktioniert, und dass vielleicht genau deshalb die Nachfrage nach einer Ganztagesschule kaum vorhanden war/ist?

Würde ich als gering verdienender Vater, der das heutige Angebot in Anspruch nimmt, befragt, ich würde folgendes dazu sagen:

„Danke, kein Bedarf, aber wie wäre es, wenn man zuerst mal eine bezahlbare Ferienbetreuung während der Schulferien anböte, wie dies die SP richtigerweise gefordert hat?“

Man möchte der FDP zurufen: Setzt mal die Prioritäten richtig!

Inwiefern es zur Bedürfnisabklärung in der Gemeinde eine weitere Umfrage überhaupt braucht, sehen wir also nicht ganz ein. Seit 2016 liegen messbare Erkenntnisse aus Köniz und Bern vor, die sich zweifelsohne auch auf Muri-Gümligen übertragen und in einem Pilotprojekt umsetzen liessen, – vorbehaltlich abweichender Bevölkerungszusammensetzung.

Diesbezüglich teilen wir die vom Forum eingebrachten Erläuterungen und würden direkt die Umsetzung eines Pilotprojektes unterstützen.

Ein offener Punkt bleibt für uns das zurückgezogene Geschäft vom 20. Nov. 2018 betreffend „Tagesschulreglement“. Inwiefern wird der Gemeinderat im Zuge des vorliegenden Postulats auf dieses Geschäft zurückkommen? Wird man mit dem Reglement warten, bis das neu zu startende Projekt genauere Erkenntnisse liefert?

Auch wenn unser Votum ziemlich negativ tönt: Wir unterstützen die Überweisung des Postulats und sehen der weiteren Entwicklung mit Interesse entgegen.


Die Diskussion im Rat war nicht sehr ausgeprägt – es zeigte sich jedoch, dass die Vorstellung davon, was genau der Unterschied zwischen einer Tagesschule und einer Ganztagesschule ist, bei den meisten Parlamentarierinnen und Parlamentariern nicht so klar ist.

Jetzt sind Sie dran: Was halten Sie vom Tagesschulangebot unserer Gemeinde? Inwiefern könnte man dieses noch verbessern? Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

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